Sie haben auf dem Dachboden oder im Nachlass alte Glasplatten gefunden – und einige davon sehen nicht gut aus? Gebrochenes Glas, milchige Schleier, abblätternde Schichten oder mysteriöse Flecken? Keine Panik. In den meisten Fällen lassen sich selbst stark beschädigte Glasnegative noch digitalisieren und damit dauerhaft retten. Entscheidend ist, dass Sie die Schäden richtig einschätzen und vor allem jetzt nichts falsch machen.
In diesem Ratgeber zeigen wir Ihnen, welche typischen Schäden an historischen Glasplatten (auch Fotoplatten, Glasnegative oder Trockenplatten genannt) auftreten, was Sie selbst tun können – und wann Sie die Finger davon lassen sollten.
Warum sind Glasplatten so empfindlich?
Eine Glasplatte besteht aus zwei grundverschiedenen Materialien: dem Glasträger und der darauf aufgebrachten Bromsilber-Gelatine-Schicht (Emulsion). Beide altern unterschiedlich und reagieren verschieden auf ihre Umgebung. Die Gelatineschicht ist wasserempfindlich und kann bei Feuchtigkeit aufquellen. Das Glas wiederum ist zwar chemisch stabil, aber zerbrechlich – und kann bei ungünstigen Bedingungen sogar von innen heraus korrodieren.
Das bedeutet: Selbst bei sorgfältiger Lagerung können nach 80, 100 oder mehr Jahren Schäden auftreten. Und nach Jahrzehnten auf feuchten Dachböden oder in kalten Kellern ist fast immer irgendetwas passiert.

Die häufigsten Schäden an Glasplatten
1. Oberflächenverschmutzung
Wie erkennt man das? Staubige, schmierige oder klebrige Oberfläche. Fingerabdrücke. Lose Partikel auf der Glasseite oder der Schichtseite.
Wie schlimm ist das? In den meisten Fällen harmlos und gut zu beheben. Bei Archivprojekten zeigt sich, dass über 75 % aller Glasnegative einen hohen Verschmutzungsgrad aufweisen – von schmierigen Belägen bis zu Fingerabdrücken. Das klingt viel, ist aber der häufigste und am einfachsten zu behebende Schaden.
Was passiert beim Digitalisieren? Verschmutzungen erscheinen als dunkle Flecken, Schleier oder unscharfe Bereiche im Scan. Eine gründliche Reinigung vor dem Scannen ist daher essenziell für ein gutes Ergebnis.
2. Glasbruch und Sprünge
Wie erkennt man das? Risse, Sprünge oder komplett zerbrochene Glasplatten. Manchmal ist die Glasplatte in mehrere Teile zerbrochen, wird aber noch durch die Emulsion zusammengehalten.
Wie schlimm ist das? Mechanischer Glasbruch tritt erfahrungsgemäss bei rund 3–10 % der Glasnegative auf. Einzelne kleine Sprünge bis ca. 0,5 cm an Ecken sind meist unkritisch. Grössere Brüche erfordern eine Sicherung vor der Digitalisierung, damit die Teile nicht verrutschen oder sich die Emulsion ablöst.
Kann man das retten? Ja. Professionelle Restauratoren sichern gebrochene Glasplatten, indem sie auf der Glasseite eine dünne Borosilikat-Glasscheibe (z. B. Borofloat® 33, Stärke 1,1 mm) auflegen und mit einer Papierrändelung aus gummiertem Klebeband fixieren. So bleiben die Fragmente in Position, die empfindliche Schichtseite bleibt frei, und das Negativ kann anschliessend sicher gescannt werden.
Bei kleinteiligem Bruch kommt ein „Sandwich“ aus zwei Glasplatten zum Einsatz – die Fragmente werden dazwischen fixiert, Fehlstellen mit Papierfasern ausgepolstert, um ein Verrutschen zu verhindern.
3. Schichtablösung
Wie erkennt man das? Die Gelatineschicht löst sich vom Glas – sichtbar als aufgewölbte, blasige oder abblätternde Bereiche. Manchmal rollen sich die Ränder der Emulsion leicht auf.
Wie schlimm ist das? Das ist einer der gravierendsten Schäden, weil das eigentliche Bild in der Gelatineschicht steckt. Wenn sich die Schicht ablöst, geht das Bild unwiderruflich verloren. Gleichzeitig ist Schichtablösung relativ selten – bei gut gelagerten Beständen oft gar nicht vorhanden.
Wichtig: Wenn Sie beim Herausnehmen einer Glasplatte bemerken, dass sich die Schicht löst: Sofort stoppen! Legen Sie die Platte zurück, polstern Sie mit etwas Schaumgummi oder Papiertüchern, verschliessen Sie den Karton und stecken Sie ihn in eine Plastiktüte, die Sie luftdicht verschliessen. So bleibt die ursprüngliche Luftfeuchtigkeit erhalten und verhindert weiteres Ablösen.
4. Aussilberung (Silberspiegel)
Wie erkennt man das? Ein metallisch-silbriger Schimmer auf der Oberfläche der Emulsion, besonders an den Rändern und in den dunklen (dichten) Bildbereichen. Im Durchlicht kann das Bild trotz Aussilberung noch gut erkennbar sein.
Wie schlimm ist das? Aussilberung ist ein häufiger, fortschreitender Prozess, der durch ungünstige Lagerbedingungen begünstigt wird. Im fortgeschrittenen Stadium kann die silbrige Schicht das gesamte Bild überdecken. Die gute Nachricht: Solange das Bild im Durchlicht noch erkennbar ist, kann es digitalisiert werden – der Scanner arbeitet mit Durchlicht und „sieht“ durch den Silberspiegel hindurch.
5. Glaskorrosion (Glaskrankheit)
Wie erkennt man das? Milchige Trübungen, tröpfchenförmige Ausblühungen oder ein insgesamt „neblig“ wirkendes Glas. Manchmal sind kleine kristalline Ablagerungen sichtbar.
Wie schlimm ist das? Glaskorrosion entsteht durch die Wechselwirkung von Glas und Gelatine: Der Feuchtigkeitsgehalt der Emulsion löst über Jahrzehnte chemische Alterungsprozesse im Glas selbst aus. Das Ergebnis können Ablösungen und Rissbildungen in der Fotoschicht sein. Dieser Prozess ist nicht reversibel – umso wichtiger ist eine zeitnahe Digitalisierung, bevor die Glaskorrosion weiter fortschreitet.
6. Retuschen und Beschriftungen
Wie erkennt man das? Matte, deckende oder lasierende Aufträge auf der Schichtseite – oft als Porträtretuschen für Studioaufnahmen. Beschriftungen mit Tusche oder Bleistift auf der Glasseite.
Wie schlimm ist das? Retuschen sind kein Schaden, sondern ein gewollter Teil des Originals. Bei der Digitalisierung sind sie allerdings eine Herausforderung: Im Rohscan ist die unruhige Struktur der Retusche oft deutlich sichtbar. Erst durch professionelle Nachbearbeitung des Digitalisats entsteht ein harmonisches Bild – so wie es auch auf einem analogen Positivabzug aussehen würde. Bei etwa 15 % aller Glasplattennegative kommen solche Retuschen vor.
7. Schimmel und biologischer Befall
Wie erkennt man das? Flauschige, fädige oder fleckige Beläge auf der Emulsion. Manchmal als kleine Löcher in der Beschichtung sichtbar, die auf Bakterienbefall hindeuten können.
Wie schlimm ist das? Schimmel kann die Gelatineschicht angreifen und dabei Bildinformation zerstören. Wichtig: Schimmelige Glasplatten nicht gemeinsam mit sauberen Platten lagern, um eine Ausbreitung zu vermeiden. Eine Digitalisierung ist in vielen Fällen noch möglich, sollte aber zeitnah erfolgen.
Was Sie selbst tun können – und was nicht
Das können Sie tun
Vorsichtig sichten: Tragen Sie saubere Baumwollhandschuhe und arbeiten Sie auf einer weichen, sauberen Unterlage. Heben Sie Glasplatten immer an zwei gegenüberliegenden Kanten an – nie in der Mitte greifen.
Schicht- und Glasseite unterscheiden: Die Schichtseite (Emulsion) ist matt und etwas rauer. Die Glasseite ist glatt und spiegelnd. Im Zweifel: Im flachen Winkel gegen das Licht halten – die matte Seite ist die Emulsionsseite.
Lagerung verbessern: Lagern Sie Glasplatten stehend (wie Bücher) in stabilen Kartons, einzeln in Papierumschläge gesteckt. Maximal 10–20 Platten pro Karton. Der Lagerort sollte trocken, kühl und temperaturschwankungsarm sein. Vermeiden Sie Keller (feucht) und Dachböden (Temperaturextreme).
Beschädigte Platten separieren: Glasplatten mit Bruch, Schichtablösung oder Schimmel von den intakten trennen – am besten in einzelne Umschläge verpacken und kennzeichnen.
Dokumentieren: Notieren Sie, welche Platten beschädigt sind und welcher Art der Schaden ist. Das hilft dem Digitalisierungsdienstleister bei der Einschätzung und spart Zeit.
Das sollten Sie auf keinen Fall tun
❌ Wasser auf die Schichtseite bringen. Die Gelatineschicht quillt bei Wasserkontakt auf und kann sich vom Glas lösen. Auch „kurz feucht abwischen“ kann irreversiblen Schaden anrichten.
❌ Klebeband verwenden. Niemals Tesa, Klebeband oder Kreppband auf Glasnegative kleben – weder zur „Reparatur“ noch zur Kennzeichnung. Der Klebstoff zersetzt sich über die Zeit, dringt in die Emulsion ein und ist nicht rückstandsfrei entfernbar.
❌ Reinigungsmittel oder Glasreiniger verwenden. Haushaltsreiniger, Fensterreiniger oder Spülmittel haben auf Glasplatten nichts zu suchen. Die enthaltenen Chemikalien können die Emulsion angreifen.
❌ Gebrochene Platten zusammendrücken oder zusammenkleben. Die Fragmente können sich verschieben und die Emulsion beschädigen. Glasbruch erfordert professionelle Sicherung.
❌ Platten übereinanderstapeln. Glas auf Gelatine verursacht Abrieb und Kratzer. Jede Platte gehört einzeln verpackt.
Wie Profis Glasplatten reinigen
Um Ihnen einen Eindruck zu geben, wie professionelle Restauratoren vorgehen:
Die Emulsionsseite wird ausschliesslich trocken gereinigt – mit einem weichen Ziegenhaarpinsel und fusselfreien Mikrofasertüchern. Bei Glasplatten mit grossflächigen Retuschen oder Schichtablösung kommt nur der Pinsel zum Einsatz, kein Tuch. Mechanischer Kontakt wird auf das absolute Minimum reduziert.
Die Glasträgerseite darf mit einem Wasser-Ethanol-Gemisch (Verhältnis 3:7) gereinigt werden. Feste Verkrustungen können dabei vorsichtig mit einem Skalpell gelöst werden. Beschriftungen auf der Glasseite werden partiell mit Baumwollwattestäbchen und dem Wasser-Ethanol-Gemisch behandelt, ohne sie zu entfernen.
Diese Methoden stammen aus der professionellen Archivrestaurierung und erfordern Erfahrung, die richtigen Materialien und eine ruhige Hand. Wir empfehlen daher ausdrücklich, die Reinigung dem Digitalisierungsdienstleister zu überlassen.
Wann sollten Sie zum Profi?
Kurze Antwort: Immer. Glasplatten sind zerbrechlich, unersetzlich und die Emulsion ist extrem empfindlich. Jeder Versuch einer Eigenreparatur birgt das Risiko, mehr Schaden anzurichten als zu beheben. Aber besonders dringend wird es bei:
Glasbruch: Gebrochene Platten müssen vor dem Scannen professionell gesichert werden. Ohne Sicherung können die Fragmente beim Transport oder Scannen verrutschen und die Emulsion beschädigen.
Schichtablösung: Hier zählt jeder Tag. Eine sich ablösende Emulsion schreitet fort – je früher digitalisiert wird, desto mehr Bildinformation lässt sich retten.
Glaskorrosion: Dieser Prozess ist irreversibel und fortschreitend. Eine zeitnahe Digitalisierung sichert den aktuellen Zustand, bevor weitere Substanz verloren geht.
Grosse Mengen: Wenn Sie Dutzende oder Hunderte Glasplatten haben, lohnt sich die professionelle Bearbeitung allein aus Effizienz- und Sicherheitsgründen.
Vorsicht beim Transport
Glasplatten sind schwer und zerbrechlich – zwei Eigenschaften, die den Versand zur Herausforderung machen. Einige wichtige Regeln:
Jede Glasplatte einzeln in einen Papierumschlag oder Seidenpapier einschlagen. Zwischen die Platten Wellkarton-Zuschnitte als Polster legen. Die Platten stehend im Karton transportieren (wie Schallplatten), nicht liegend stapeln. Den Karton mit Polstermaterial ausfüllen, damit nichts verrutschen kann. Fragile und gebrochene Platten separat und besonders geschützt verpacken.
Sprechen Sie uns gerne vor dem Versand an – wir beraten Sie zur optimalen Verpackung Ihrer Glasplatten.
Digitalisierung als beste Rettung
Die ehrliche Wahrheit: Glasplatten werden nicht besser. Glaskorrosion, Aussilberung und Schichtablösung schreiten fort – langsam, aber unaufhaltsam. Die einzige Möglichkeit, den aktuellen Zustand dauerhaft zu sichern, ist die Digitalisierung.
Ein professioneller Scan mit einem geeigneter Auflösung erfasst jedes Detail der Emulsion – oft sogar Details, die mit blossem Auge kaum noch erkennbar sind. Moderne Laborscanner arbeiten mit Durchlicht, wodurch selbst bei Aussilberung oder leichter Glastrübung hervorragende Ergebnisse möglich sind.
Das Digitalisat als verlustfreie TIFF-Datei gespeichert, ist Ihr „digitales Negativ“ – unvergänglich, jederzeit abrufbar und beliebig oft reproduzierbar. Die originalen Glasplatten können anschliessend sachgerecht gelagert oder einem Archiv übergeben werden.
Übersicht: Schadensarten und Handlungsempfehlung
| Schaden | Häufigkeit | Eigenmassnahme möglich? | Digitalisierung möglich? |
|---|---|---|---|
| Oberflächenverschmutzung | Sehr häufig (75 %+) | Nein – Reinigung dem Profi überlassen | ✅ Ja, nach Reinigung |
| Glasbruch / Sprünge | Ca. 3–10 % | Nein – nicht kleben oder drücken | ✅ Ja, nach Sicherung |
| Schichtablösung | Selten | Nein – sofort Fachleute kontaktieren | ⚠️ Oft noch möglich, zeitkritisch |
| Aussilberung | Häufig | Nein – nicht reversibel | ✅ Ja, Durchlichtscanner sieht durch |
| Glaskorrosion | Gelegentlich | Nein – nicht reversibel | ✅ Ja, zeitnah digitalisieren |
| Retuschen | Ca. 15 % | Nicht entfernen! | ✅ Ja, mit Nachbearbeitung |
| Schimmel | Gelegentlich | Separieren, trocken lagern | ⚠️ Meist noch möglich |
Fazit: Handeln Sie lieber heute als morgen
Glasplatten sind faszinierende Zeugnisse aus den Anfängen der Fotografie. Ihre Bildqualität ist oft atemberaubend – die niedrige Filmempfindlichkeit und das grosse Format sorgen für unglaublich feinkörnige Ergebnisse mit fantastischen Grauverläufen. Doch jeder Tag, den beschädigte Glasplatten unbehandelt in Kellern und auf Dachböden verbringen, ist ein Tag, an dem Glaskorrosion, Aussilberung und Schichtablösung still weiterarbeiten.
Die gute Nachricht: Selbst stark beschädigte Glasnegative lassen sich in vielen Fällen noch hervorragend digitalisieren. Entscheidend ist die richtige Reihenfolge – erst sichern, dann reinigen, dann scannen – und die richtigen Hände.
Weiterführende Ratgeber
📖 Die richtige Auflösung – Welche dpi-Zahl ist sinnvoll für Glasplatten?
📖 JPG oder TIFF? – Das richtige Dateiformat für Ihre digitalisierten Schätze
📖 Die perfekte Ordnerstruktur – So organisieren Sie Ihre digitalisierten Glasplatten
📖 Metadaten für Einsteiger – Machen Sie Ihr digitales Fotoarchiv durchsuchbar






